Neusiedlersee
Der Neusiedlersee: Österreichs größter See, Radwege, Vogelbeobachtung, Burgenland-Wein und wie man ihn mit Eisenstadt ab Wien kombiniert.
Schloss Esterházy Ticket: In the Steps of Joseph Haydn
Auf einen Blick
- Größe
- 320 km² — größter See Mitteleuropas (Steppensee)
- Tiefe
- Durchschnittlich nur 1,2 m tief
- Entfernung von Wien
- 65 km (1 Std. per Zug nach Neusiedl am See)
- UNESCO-Status
- Nationalpark seit 1993, Weltkulturerbe (2001)
Europas westlichster Steppensee
Der Neusiedlersee ist eine Besonderheit der mitteleuropäischen Geografie: ein riesiger, flacher, schilfbestandener See an der Grenze zwischen den Ostalpen und der ungarischen Puszta — der großen Steppe, die sich von hier nach Osten bis zum Ural erstreckt. Er ist im Durchschnitt nur 1,2 Meter tief — flach genug, dass er bei anhaltenden Dürren gelegentlich verdunstet (der See verschwand 1866 vollständig und erneut im frühen 20. Jahrhundert, kehrte in den 1870er Jahren mit dem einsetzenden Regen zurück) — und von ausgedehnten Schilfgürteln umgeben, den größten Binnenschilfgürteln Europas, die etwa ein Drittel der Seefläche bedecken und ihn zu einem der bedeutendsten Feuchtgebiets-Ökosysteme des Kontinents machen.
Der See verläuft entlang der österreichisch-ungarischen Grenze. Der österreichische Teil ist als Nationalpark ausgewiesen und bildet gemeinsam mit dem ungarischen Abschnitt (Fertő tó) seit 2001 ein UNESCO-Welterbe — das erste transnationale Welterbe-Landschaftsgebiet in Europa. 65 Kilometer östlich von Wien und etwas mehr als eine Stunde mit dem Zug entfernt, bietet er den vollständigsten Kontrast zur Hauptstadt: eine flache, weite, himmelbeherrschte Landschaft, in der das Licht anders fällt und die Luft nach Schilf und Wasser statt nach Stadtstein riecht.
Die Störche von Rust
Bevor es um Radtouren und Wein geht, sei erwähnt, woran sich viele Besucher am längsten erinnern: die Weißstörche. Rust an der Westseite ist die Storchenhauptstadt Österreichs — nicht als Marketingbehauptung, sondern als nachprüfbare ökologische Tatsache. Über vierzig Brutpaare nisten jeden Frühling auf den Schornsteinen und Dächern des Ortes; sie kommen Ende März aus dem südlichen Afrika und ziehen ihre Jungen den Sommer über auf. Das Klappern der Schnäbel aus den Nestern (ihre wichtigste Kommunikationsform — Störche haben keinen Gesang) ist ab April das Klangsignal von Rust. Der Hauptplatz, umgeben von Weinkellern, trägt auf den meisten älteren Gebäuden Storchennester, und der Anblick eines Storchs, der mit vorgestreckten Beinen wie ein landendes Flugzeug auf einem 300 Jahre alten Dach aufkommt, gehört zu den unwahrscheinlichsten ländlichen Erlebnissen, die man innerhalb einer Stunde von Wien findet.
Radfahren rund um den See
Der Neusiedlersee Radweg — der Rundradweg um den See — ist eine der beliebtesten Freizeitradrouten Österreichs. Das vollständige Rundfahrt umfasst rund 120 km und wechselt am Grenzübergang Andau nach Ungarn (Reisepass erforderlich, EU-Ausweis für EU-Bürger). Die meisten Besucher fahren den österreichischen Abschnitt — rund 75 km von Neusiedl am See über Mörbisch nach Rust und zurück — eine angenehm flache Route durch die weinbauenden Seeuferortschaften, mit den Schilfflächen auf einer und den rebbedeckten Leithaberghängen auf der anderen Seite.
Das Gelände ist durchgehend flach und macht diese Route zu einer der zugänglichsten Radtouren Österreichs für Besucher jeglichen Fitnessgrades. Fahrräder können am Bahnhof Neusiedl am See (10 Gehminuten vom Ortskern) und in verschiedenen Ortschaften rund um den See gemietet werden; E-Bikes sind an den meisten Verleihstationen erhältlich und machen die Tagesrunde ohne besondere Anstrengung bewältigbar.
Der südliche Abschnitt — von Mörbisch bis zur ungarischen Grenze und zurück über Illmitz — ist der abwechslungsreichste: Hier sind die Schilfgürtel am breitesten, und die im Herbst sichtbaren Schilfernte-Arbeiten verleihen der Landschaft einen bäuerlichen Charakter, den die stärker erschlossene Nordseite nicht hat.
Vogelbeobachtung
Der Neusiedlersee liegt an der Via Pannonica, einer Vogelzugroute, und es wurden über 300 Vogelarten registriert — mehr als die Hälfte aller in Österreich nachgewiesenen Arten an einem einzigen Ort. Die Schilfflächen sind Bruthabitat des Purpurreihers, des Silberreihers, der Rohrdommel, des Löfflers und der Rohrweihe. Das Freiwasser zieht im Herbst (September–Oktober) riesige Schwärme von Graugänsen und Gründelenten an. Bartmeisen brüten tief im Schilf und sind gelegentlich an Schilfstängeln am Wegrand zu beobachten.
Die Aussichtstürme bei Podersdorf am See und Illmitz sind die besten Standorte für Seepanoramen; die Holzstege, die von mehreren Punkten am Ufer in die Schilfflächen führen, ermöglichen eine Annäherung an den Lebensraum ohne Störung. Die Nationalpark-Besucherzentren in Illmitz und Apetlon bieten geführte Vogelbeobachtungsgänge an, besonders ergiebig im Frühjahr (April–Mai für Brutvögel) und Herbst (September–Oktober für Zugvögel). Ein ambitionierter Vogelbeobachter könnte leicht einen ganzen Tag in Illmitz verbringen.
Weinorte
Die Seeufer-Ortschaften der Westseite — Rust, Mörbisch, Oggau, Donnerskirchen, Purbach — erzeugen den Rotwein des Burgenlandes auf Hängen oberhalb des Sees. Die wichtigsten Sorten sind Blaufränkisch (die große Rotweinrebe des Burgenlandes, die Weine von beachtlicher Struktur und Charakter liefert) und Zweigelt (gefälliger, zugänglicher). Eine Generation junger Winzer hat den Ruf der Region grundlegend gewandelt: von der Massenwein-Produktion zu einem anspruchsvollen Weingebiet.
Rust trägt ein besonderes Prädikat — den Ruster Ausbruch — für seinen aus botrytisierten Trauben (Edelfäule) gewonnenen Süßwein, methodisch vergleichbar mit dem ungarischen Tokaji, wenngleich das Geschmacksprofil klar eigenständig ist. Der Ort verfügt über eine bemerkenswerte Konzentration von Weinkellern rund um den Hauptplatz, die meisten mit Direktverkostung ohne Voranmeldung. Die Kombination aus exzellentem Süßwein, vierzig Storchennestern und einem Platz, der sich kaum vom 18. Jahrhundert unterscheidet, macht Rust zum lohnendsten Einzelort an der Westseite.
Die Haydn-Spurensuche auf Schloss Esterházy im nahen Eisenstadt lässt sich gut mit einem Neusiedlersee-Nachmittag verbinden — morgens Eisenstadt (das Esterházy-Palais, in dem Joseph Haydn den Großteil seines Arbeitslebens verbrachte, ist eines der unterschätztesten musikhistorischen Erlebnisse Österreichs) und nachmittags mit Rad oder Bus zum See.
Anreise
Mit der Bahn: Wien Meidling oder Wien Hauptbahnhof nach Neusiedl am See, etwa 1 Stunde. Neusiedl am See ist der Hauptknoten für den nördlichen Teil des Sees, mit Fahrradverleih und Bootsverleih in der Nähe des Bahnhofs.
Für Rust und die Weinorte der Westseite: Bus von Neusiedl am See nach Eisenstadt (ca. 20 Minuten), dann Bus nach Rust (ca. 20 Minuten). Die Busfrequenz ist begrenzt; aktuelle Fahrpläne vorher prüfen. Mit dem Auto bringt die A3 ab Wien (Ausfahrt Eisenstadt) in etwa einer Stunde an die Westseite, Rust liegt weitere 15 km südlich.
Wann hinfahren
April und Mai bringen den Frühjahrs-Vogelzug und die ersten warmen Tage auf dem Wasser, mit Wildblumen an den Leithahängen und zurückkehrenden Störchen auf den Hausdächern.
Juni bis August ist Badesaison — der flache See erwärmt sich im Hochsommer auf rund 26 °C und gehört damit zu den ungewöhnlichsten Badegewässern Mitteleuropas. Die Seeuferorte veranstalten im Sommer regelmäßig Wein- und Gastronomiefeste. Auch der beste Zeitpunkt, um die Jungstörche zu beobachten.
September und Oktober sind die Highlights für Vogelbeobachter (Herbstzug), Weinliebhaber (Erntesaison, Weinkeller-Öffnungstage im gesamten Burgenland) und alle, die den See ohne Sommertrubel vorziehen.
Winter — der See friert in kalten Jahren gelegentlich vollständig zu, und die flache Schilflandschaft unter einem Januar-Nebel ist von unerwarteter Schönheit. Das Eislaufen, wenn das Eis dick genug ist, ist eine burgenländische Tradition. Die Vogelaktivität nimmt stark ab, aber die Stille ist bemerkenswert.