Naschmarkt am Samstagmorgen: was wirklich passiert
Der Naschmarkt an einem Samstagmorgen ist vieles gleichzeitig. Er ist Wiens bekanntester Markt, seit dem 16. Jahrhundert auf der Linken Wienzeile zwischen Karlsplatz und Kettenbrückengasse in Betrieb. An Samstagen ist er auch der Flohmarkt, der sich von der Kettenbrückengasse westwärts entlang des Gehwegs erstreckt — gebrauchte Bücher, Vintage-Kleidung, Silberblech, alte Werkzeuge, vollständige Tafelservice und sowjetische Memorabilien. Und er ist ab etwa 10:00 Uhr ganz genuinen überfüllt.
Ich kam um 8:30 Uhr an einem Samstag im August. Das ist der richtige Zeitpunkt.
8:30 Uhr: vor den Touristen
Um 8:30 Uhr ist der Markt in Betrieb und das Publikum ist fast ausschließlich Wiener. Die Fischhändler haben ihre Tanks laufen (Karpfen, Hecht und Saibling im kühlen Morgenwasser sichtbar). Die Bäcker haben ihr Langgebäck und Bauernbrot ausgelegt. Die Blumenstände haben ihre Samstagauswahl in voller Bestückung. Die Gemüsehändler ordnen ihre Auslagen für den Tag an.
Der Flohmarkt ist bereits aktiv, aber noch nicht überfüllt — die Händler bauen auf, und die Frühankömmlinge bekommen den ersten Blick auf das Silbergeschirr, die Kunstdrucke und die kompletten Rosenthal-Porzellanservices aus Nachlässen der 1930er Jahre.
Was zu dieser Stunde kaufen: Das Brot der Bäckerstände (besonders der Roggensauerteig und die Mohnkipferl). Die Frischkäse der österreichischen Molkereistände. Saisonales Gemüse, das keine langen Wege verträgt — Marchfelder Spargel im Mai–Juni, Österreichische Paradeiser (das lokale Wort für Tomaten, eine andere Kategorie als alles aus dem Supermarkt), Wachauer Marillen im Juli.
Kaffeeoption: Das Café Drechsler (Linke Wienzeile 22) liegt am östlichen Marktrand, öffnet früh und ist das Café, wo die Marktarbeiter ihren ersten Kaffee trinken. Stehender Espresso an der Bar 2,10 €. Die Terrasse füllt sich bis 9:00 Uhr.
9:30 Uhr: das gute Essensfenster
Die Sitz-Restaurants des Naschmarkts öffnen zum Mittagessen, aber das beste Samstagessen stammt noch immer von den Ständen. Empfehlungen:
Türkische Sektion (Mitte des Markts): die Olivenauswahl, die weißen Käse (Beyaz Peynir, ähnlich Feta, aber anders), die Trockenfrüchte- und Nussstände. Direkt aus den Fässern verkaufte Oliven sind deutlich besser als abgepackte. Eine Schaufel von fünf oder sechs Sorten: 3–4 €.
Käsekrainer-Stand (Wurststand, nahe dem Kettenbrückengasse-Ende): die Käsekrainer ist eine grobe Schweinswurst mit eingebettetem Emmentaler, gegrillt und im Semmel mit Senf serviert. Das ist das Samstagfrühstück, das Wiener tatsächlich essen. 4,50 €.
Stand 75–76 (ca.) — ein vietnamesischer Stand, der seit 15+ Jahren am Markt ist. Pho und Bánh Mì um 8:30 Uhr morgens sind nicht jedermanns Sache, aber die Qualität ist konstant und die Schlange ist vor 10:00 Uhr handhabbar.
Das griechische Fischrestaurant am westlichen Ende — wenn der Flohmarkt erfolgreich war und etwas Feierlichkeit angebracht ist, sind die gegrillten Sardinen um 10:00 Uhr ausgezeichnet und die Weinkarte ausschließlich griechisch.
10:30 Uhr: die Massen kommen
Bis 10:30 Uhr ist der Markt voll. Der schmale Marktgang zwischen den Ständen (etwa 4 Meter breit) ist ohne Planung schwer zu navigieren. Die Restaurants entlang der Marktseiten (die Sitzlokale mit Tischen unter ihren Markisen) füllen sich. Der Flohmarkt ist in vollem Gang — jeder Händler von Stöberern umgeben.
Die Naschmarkt-Kulinariktour startet zu dieser Stunde am östlichen Marktende und deckt die Stände mit einem Guide ab, der Geschichte und Produkte erklärt — nützlich, um den österreichischen, türkischen, griechischen und asiatischen Abschnitt zu verstehen, die sequenziell durch den Markt verlaufen.
Was im Flohmarkt beobachten: Die Bücher (österreichische Taschenbücher aus den 1960ern und 70ern, manchmal außerordentliche Funde). Das Silbergeschirr (wenn man bereit ist, es zu tragen). Die alten Wien-Reiseplakate (Reproduktionen werden überall verkauft; Originale der 1920er–1950er tauchen gelegentlich auf). Die Vintage-Trachten — Dirndl und Lederhosen echter Qualität sind hier zu finden, wenn man sucht, zu einem Bruchteil der Boutique-Preise.
12:00 Uhr: Mittagessen in den Marktrestaurants
Bis Mittag sind die Restaurantterrassen voll. Die besten Sitzoptionen:
Zum Wohl (Bauernmarkt 13, technisch nahe dem Naschmarkt) — österreichischer Aufschnitt und Wachauer Weine glasweise.
Gasthaus Huth (Schleifmühlgasse 18, 10 Gehminuten südlich) — traditionelle Wiener Beisl-Küche ohne den Touristenaufschlag. Der Wiener Salongulasch (eine verfeinerte Gulaschvariante mit Rahm) ist ausgezeichnet.
Am Markt selbst: Imbiß Tancredi — der italienische Stand mit den rotierenden Arancini und hausgemachten Pasta, erkennbar an seiner Schlange.
Wann gehen: Samstag vs. Wochentag
Samstag ist der berühmte Tag und der Flea-Market-Tag. Er ist auch der überfüllte Tag. Wenn der Flohmarkt der Grund ist (Vintage durchstöbern, etwas Konkretes suchen), ist Samstag richtig. Wenn Essen und Lebensmitteleinkauf die Gründe sind, ist ein Dienstag- oder Mittwochmorgen deutlich angenehmer — die Stände sind voll bestückt, die Gänge sind begehbar und der Markt fühlt sich wie eine Nachbarschaftsinstitution an statt wie eine Touristenattraktion.
Der Markt läuft Dienstag–Samstag, 6:00–19:30 Uhr (einige Stände schließen um 18:00 Uhr). Nur Samstag für den Flohmarkt (6:00–15:00 Uhr, ab Kettenbrückengasse westwärts).
Der Wiener Essenführer deckt die breitere kulinarische Landschaft der Stadt ab. Der Naschmarkt ist die beste Einzeladresse, aber er ist eine Straße in einer Stadt, die schon immer gut gegessen hat.