Ein Abend beim Heurigen in Grinzing
Der Kiefernzweig über der Tür eines Heurigen ist das Zeichen, dass er geöffnet ist — der Buschen (Bündel aus Kiefern- oder Fichtenzweigen) bedeutet der Tradition nach, dass der neue Wein fertig und das Lokal in Betrieb ist. Diese Tradition, von Kaiser Joseph II. 1784 etabliert, gab Winzern das Recht, ihren eigenen Wein direkt auszuschenken, ohne einen Wirt einschalten zu müssen. Das Wort Heurig bedeutet im Wiener Dialekt „diesjährig”, und der Wein im Krug ist immer vom jüngsten Jahrgang.
Ich ging an einem Oktoberabend in Grinzing — spät genug im Herbst, dass die Lese weitgehend abgeschlossen war, die Luft kalt, und der Terrassengarten hinterm Heurigen halb voll mit Leuten in Mänteln, die entschieden hatten, dass draußen sitzen noch dem drinnen vorzuziehen war.
Anreise
Grinzing ist ein Dorf, das in den 19. Bezirk Wiens eingemeindet wurde, dabei aber seine Dorflogik behalten hat — eine Hauptstraße (Grinzinger Straße), eine Sammlung alter Bauernhöfe, die zu Heurigen umgebaut wurden, ein Weingartenhang darüber. Vom Stadtzentrum: Straßenbahn 38 bis Endstation Grinzing, 30–40 Minuten vom Ring. Die Endstation liegt oben im Dorf; die Heurigen sind 5–10 Gehminuten entfernt.
Die Alternative: Straßenbahn D nach Nussdorf (das andere Heurigen-Dorf), das einen etwas anderen Charakter hat — etwas ruhiger und wohngebietsartiger, der Nussberg-Weingarten von der Hauptstraße sichtbar.
Ich wählte Grinzing und fand den Heurigen Hirt (Grinzinger Straße 165) — familiengeführt, mittelgroß, mit einem gedeckten Gartenteil hinten.
Das System
Ein Heuriger ist kein Restaurant. Es gibt keinen Tischservice für Speisen. Das Kältebuffet — auf einer langen Theke innen aufgebaut — ist der Ort, wo man sich seinen Teller befüllt. Das System: Teller nehmen, die Theke entlangehen, auswählen, was man möchte, den Buffetpreis bezahlen (typischerweise 12–18 € für einen vollen Teller) und an seinen Tisch zurückkehren.
Was das Buffet beim Heurigen Hirt enthält:
Liptauer — der charakteristische Heurigenaufstrich, ein gewürzter Frischkäse mit Paprika, Kümmel und Schnittlauch. Gegessen auf dunklem Brot (Schwarzbrot oder Vollkornbrot). Das ist das definitive Heurigenessen, unverzichtbar, überall verfügbar.
Lachsforelle — kalte Scheiben mit Krenrahm und dunklem Brot.
Selchfleisch — geräuchertes Schweinefleisch, kalt in dicken Scheiben serviert.
Kaltes Geselchtes — verschiedene kalte Räucherwaren (Speck, verschiedene Würste, Leberkäse).
Bauernbrot — Roggen-Sauerteigbrot der lokalen Bäckerei, in dicken Scheiben.
Gurken (eingelegte Gurkensalat) und Karfiol (Blumenkohlsalat mit Kümmel).
Gemischter Salat — einfach und ehrlich.
Mein Teller: Liptauer und zwei Sorten Räucherfleisch, ein Haufen dunkles Brot, der Gurkensalat. Zweimal nachgeholt.
Der Wein
Der Krug Grüner Veltliner kam als Viertel-Liter-Maß (Viertel, ausgesprochen FEER-tel). Das ist das kleinste erhältliche Maß; man bestellt viertelweise und bestellt weiter, bis der Abend endet. Der Grüne Veltliner beim Heurigen Hirt stammt aus dem Gutsweingarten — der Weingarten ist der Hügel über dem Dorf — und im Oktober war der jüngste Jahrgang bereits erhältlich.
Heurigenswein ist kein Grand Cru. Die Heurigen-Weine sind typischerweise in der Wachauer Einteilung der Steinfeder-Kategorie (leichteste, frischeste Weine, zum sofortigen Trinken gedacht statt zur Lagerung). Sie sind von Haus aus alkoholarme Weine (Steinfeder-Weine übersteigen 11,5 % Alkohol nicht) und haben eine Säure, die perfekt zum fettigen, rauchigen Kältebuffet passt.
Die organisierte Wiener Weinverkostungstour mit Heurigenbesuch deckt zwei oder drei Heurigen am selben Abend ab, mit einem Weinführer, der die Klassifikation erklärt und die Güter vergleicht — gut für Besucher, die den Kontext neben dem Erlebnis möchten.
Der Abend
Die Oktoberdunkelheit kam, während wir unser zweites Viertel zu Ende tranken. Die Gartenleuchten gingen an. Der Tisch neben uns (drei Personen im Rentenalter, die offenkundig seit Jahrzehnten in diesen spezifischen Heurigen kommen, nach der Vertrautheit zu urteilen, mit der der Besitzer stehen blieb, um mit ihnen zu reden) begann sich durch das, was als zweite Flasche Riesling aussah, zu arbeiten.
Das ist der Sinn des Heurigen: Er ist ein Ort, um im Oktober in einem Garten zu sitzen mit einem Krug lokalem Wein und einem Teller Räucherfleisch und nicht woanders zu sein. Wien hat seine Paläste und Konzerte und Museen; der Heuriger ist, wohin Wien geht, wenn er nicht zur Schau stehen möchte.
Wir blieben drei Stunden. Die Rechnung: 38 € zu zweit, einschließlich Kältebuffet und drei Krug Wein.
Praktische Hinweise
Saison: Die meisten Heurigen öffnen April–Oktober. Einige ganzjährig; viele schließen November–März oder öffnen nur gelegentlich (die Buschenschank-Regelung erlaubt Winzern, nur für begrenzte Wochen pro Jahr zu öffnen — vor einer speziellen Heurigenreise prüfen).
Öffnungszeiten: Typischerweise ab 15:00 oder 16:00 bis 23:00 Uhr oder Mitternacht. Mittagssitzungen manchmal verfügbar.
Der Buschen: Der grüne Kiefernzweig über der Tür bedeutet geöffnet. Kein Zweig oder ein verwelkter bedeutet geschlossen. Keine Scheu, an einem Heurigen ohne Buschen vorbeizugehen — er ist geschlossen.
Beste Dörfer: Grinzing, Nussdorf, Gumpoldskirchen (30 Minuten südlich von Wien mit der S-Bahn — ein eigenes Dorf mit ausgezeichneten Heurigen), Neustift am Walde.
Für einen Leitfaden zu den besten einzelnen Heurigen nach Dorf und Gutsweinqualität den Wiener Heurigenführer konsultieren.